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Humanities & Social Sciences for Sustainability

Tagungsbericht
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Meldung vom:

Neue Wege der Nachhaltigkeitsforschung

Am 21. und 22. Oktober 2020 fand die vom Jenaer UNESCO-Lehrstuhl organisierte Online-Konferenz "Humanities and Social Sciences for Sustainability" auf den virtuellen Dornburger Schlössern statt. Unter der Schirmherrschaft der nationalen UNESCO-Kommission Kanadas – seit Beginn des Jahres Projektpartnerin des Lehrstuhls – kamen im Rahmen der Konferenz insgesamt 24 internationale Expert*innen zusammen, um über neue Strategien zur Stärkung sozial- und geisteswissenschaftlicher Perspektiven in der Nachhaltigkeitsforschung und -politik zu beraten. Die Veranstaltung deckte ein breites Themenspektrum ab, das sich nicht nur an Wissenschaftler*innen richtete, sondern gleichermaßen auch an Entscheidungsträger*innen aus der Wissenschaftspolitik und wissenschaftlichen Organisationen sowie an sozial engagierte Menschen im Nachhaltigkeitsbereich sowie Künstler*innen. Die weitestgehend online durchgeführte Konferenz traf mit fast 1.000 Zugriffen auf den Livestream und einer Vielzahl an Kommentaren und Fragen im Online-Chat auf ein großes internationales Interesse. Als Partner der Veranstaltung fungierten u.a. die Deutsche UNESCO-Kommission, die World Academy of Art & Science, die Academia Europaea, der Club of Rome, der International Council for Philosophy and Human Sciences sowie die International Geographical Union.

Anforderungen an Globale Lösungen der Nachhaltigkeitskrise

Die erste Sektion widmete sich mit insgesamt fünf Vorträgen den epistemologischen, organisatorischen und politischen Herausforderungen globaler Antworten auf die gegenwärtige Nachhaltigkeitskrise. Mamphela RAMPHELE hob die Notwendigkeit einer Dekolonisierung des Wissens und die Bedeutung pluriversaler Perspektiven hervor. Ohne eine dekoloniale Wende seien neue Allianzen zur Bearbeitung globaler Problemlagen und die Entstehung neuer, nachhaltiger Ordnungen nach der Krise ("emergence from emergency") wenig wahrscheinlich. Garry JACOBS erörterte in seinem Vortrag die zentrale Rolle der (qualitativen) Sozial- und Geisteswissenschaften sowie der Künste zum Verständnis sozialer Dynamik und zur Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels. Schlüssel zur Bearbeitung der gegenwärtigen ökologischen, politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Krise sei es, den Wandel von Einstellungen, Werten und Verhaltensweisen im Alltag anzustoßen und zu unterstützen. Sander VAN DER LEEUW stellte in seinem Vortrag die Notwendigkeit des Wechsels von einer ökologischen zu einer sozialwissenschaftlichen Perspektive auf die gegenwärtige Krise ins Zentrum. Um durch Forschung und Lehre neue Wege zur Bearbeitung der Krise zu identifizieren, seien ein Aufbrechen von Wissenssilos und die Abkehr von organisatorischer Fragmentierung sowie neue Karrierestrukturen, Förderbedingungen und ein verändertes Publikationssystem in der Wissenschaft geboten. In ähnlicher Weise argumentierte Mathieu DENIS, der sich mit den Gelingensbedingungen disziplinübergreifender Forschung auseinandersetzte. Insbesondere seien Kollaborationsformen zu entwickeln, die eine gemeinsame, gleichberechtigte Problemdefinition ermöglichten. Die Sozial- und Geisteswissenschaften seien überdies dazu aufgerufen, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationsprozesse stärker ins Zentrum ihrer Forschungen zu stellen. Im letzten Vortrag der Sitzung schloss Thomas REUTER an diesen Gedanken an und stellte heraus, dass nachhaltige Entwicklung im Anthropozän mit tiefgreifendem, systemischem Wandel verbunden sei. Antworten auf die gegenwärtige Krise seien dabei insbesondere von transdisziplinärer Forschung, die offen für Impulse von den Rändern der wissenschaftlichen Diskurse ist, zu erwarten. Es müsse daher darum gehen, die Diversität aktueller Debatten in akademischer, kultureller und geographischer Hinsicht zu erhöhen.

Blickwechsel in der Nachhaltigkeitswende

Im zweiten Panel der Tagung schlugen insgesamt sechs Referent*innen einen Blickwechsel auf konkrete Herausforderungen der gegenwärtigen Nachhaltigkeitswende vor. Hartmut ROSA lenkte das Augenmerk zunächst auf eine Reihe von Widersprüchen des aktuell beobachtbaren 'Ergrünens' von Gesellschaften, wie z.B. die Gleichzeitigkeit von steigendem ökologischem Bewusstsein und wachsendem ökologischen Fußabdruck. Da das Wissen um die ökologischen Konsequenzen eigener Entscheidungen in vielen Kontexten zwar vorhanden, aber letztlich nicht ausschlaggebend sei, müsse der Blick stärker auf Resonanzerfahrungen und affektive Beziehungen als Treiber des Wandels gelenkt werden. Tiago DE OLIVEIRA PINTO stellte die kulturelle Dimension nachhaltiger Entwicklung ins Zentrum seiner Überlegungen. Am Beispiel musikalischer Praktiken als spezifischer, lokale Ressourcen interpretierender kultureller Ausdrucksformen zeige sich die Verschränkung von Gesellschaften mit ihrer Umwelt. Musikalische Praktiken könnten als immaterielles Kulturerbe so eine wichtige Rolle zum Verständnis bzw. zur Gestaltung nachhaltiger Entwicklung spielen. Martin LEINER skizzierte in seinem Beitrag die Bedingungen gemeinsamer Zukunftsentwürfe aus der Perspektive der Versöhnungsforschung ("reconciliation studies"). Nachhaltige Entwicklung setze die Überwindung sozialer Gräben und Spaltungen voraus und baue auf Vertrauen und Kooperationsbereitschaft auf. Tilo WESCHE setzte sich mit der Frage von Eigentumsregimes und Natur als Träger von Eigentumsrechten auseinander. Die Pflicht zum Schutz natürlicher Ressourcen durch nachhaltige Eigentumsmodelle könne aus den Eigentumsrechten von Natur selbst abgeleitet werden. Nachhaltigkeit stehe damit nicht außerhalb der Frage des Eigentums, sondern sei als Ergebnis der Eigentumsrechte von Natur aufzufassen. Lutz MÖLLER verschob den Fokus auf die gegenwärtigen Angriffe auf die Wissenschaft durch Verschwörungstheorien, die Verbreitung von Unwahrheiten bzw. "alternativen Fakten" und betonte die Dringlichkeit, Tatsachen und wissenschaftlich fundiertes Wissen als Grundlage rationalen Entscheidens konsequent zu verteidigen. Die gegenwärtig ausgearbeiteten UNESCO-Empfehlungen zur offenen Wissenschaft seien ein wichtiger Beitrag zur Stärkung wissenschaftlicher Expertise im öffentlichen Diskurs, insbesondere mit Blick auf die aktuellen Nachhaltigkeitstransformationen. John CROWLEY schließlich beschloss die Sitzung mit Überlegungen zu Energiesystemen aus sozial- und geisteswissenschaftlicher Sicht. Diese seien als umfassende ("totale") Phänomene zu verstehen, in denen sich materielle Strukturen mit Machtstrukturen, finanziellen und symbolischen Flüssen, Verhaltensweisen und selbstverständlich gewordenen gesellschaftlichen Vorstellungen ("social imaginaries") verschränken. Die im Zuge der Nachhaltigkeitswende oft geforderte Transformation von Energiesystemen sei dabei nicht nur eine politische Herausforderung, sondern auch eine konzeptionelle und methodologische.

Transdisziplinäre Forschung und Wissensmobilisierung

Im Zentrum des zweiten Konferenztages standen insbesondere Fragen nach den Bedingungen und Möglichkeiten transdisziplinärer Forschung sowie Fragen nach Strategien der Mobilisierung wissenschaftlichen Wissens. Luiz OOSTERBEEK befasste sich im ersten Vortrag mit der Herausforderung, die Komplexität der aktuellen globalen Problemlagen verstehbar zu machen und gesellschaftliche Institutionen so zu transformieren, dass sie dieser Komplexität gerecht werden und zu Lösungswegen beitragen können. Von besonderer Bedeutung zur Überwindung nicht-nachhaltiger Entwicklungspfade seien dabei Formate der Ko-Produktion, gemeinsamen Verteilung und des Ko-Managements von Wissen. Den Sozial- und Geisteswissenschaften komme dabei eine zentrale Rolle bei der Gestaltung des gegenwärtigen Wandels zu. Melissa LEACH kritisierte in ihrem Beitrag instrumentelle Zugänge zu Wissen und die vorherrschenden Managementansätze in der Nachhaltigkeitspolitik. Sie forderte einen Blickwechsel zu Fragen der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung im Kontext der Nachhaltigkeitstransformation. Zur Gestaltung des Wandels sei "Transformationswissen" notwendig. Die Pfade des Wandels müssten demokratisch, divers und gerecht sein. Lucilla SPINI rekonstruierte in ihrem Vortrag Idee und Geschichte der Wissensmobilisierung und des Wissenstransfers. Insbesondere skizzierte sie die Entstehung der Figur des "Knowledge Brokers" und ihren Aufstieg im Zuge der wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit für ökologische Problemlagen. Mit Blick auf jüngere Trends zur Wissenschaftskommunikation über soziale Netzwerke sei die Bedeutung von Organisationen im Zwischenraum von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft, wie etwa die UNESCO, für eine erfolgreiche Vermittlung kaum zu unterschätzen. Carlos ÁLVAREZ-PEREIRA stellte das Problem gesellschaftlicher Lernprozesse ins Zentrum seines Vortrags und wies auf die Risiken für die Bearbeitung der aktuellen Krisenphänomene hin, die sich aus dem gesellschaftlichen Unvermögen, fundamentale Fragen zu stellen, ergeben. Erfolgversprechende Lösungsstrategien müssten insbesondere mechanistische Vorstellungen der Welt überwinden und bedürften neuer Formen des Lernens bzw. sicherer Orte eines echten Dialogs. Anne SNICK betonte in ihrem Beitrag die tiefe kulturelle, sprachliche, institutionelle usw. Verwurzelung von Konzepten wie "Entwicklung", "Fortschritt" oder "Wachstum" und die damit verbundenen Schwierigkeiten, alternative Zukünfte zu entwerfen. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationsprozesse ähnelten dabei den psychologischen Phasen der Trauer. Der Versuch, der gegenwärtigen Krise mit technischen Lösungen zu begegnen, ähnelte nach dieser Analogie der Phase der Leugnung und Wut. Die Notwendigkeit tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen zu akzeptieren und eine Zukunft jenseits der gegenwärtigen Krise ins Auge zu fassen hingegen erfordere Selbstreflexion und ein Verständnis des gesellschaftlichen Ganzen. Damit seien insbesondere die Sozial- und Geisteswissenschaften zur Mitarbeit aufgerufen. Howard BLUMENTHAL skizzierte auf Grundlage seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im internationalen Kontext die Anforderungen an eine zeitgemäße Bildung. Um globales Lernen zu befördern bedürfe es pädagogischer Konzepte, die die natürliche Neugier und Wissbegierigkeit junger Menschen ins Zentrum rücken und globale Krisenphänomene stärker mit Alltagserfahrungen von Kindern und Jugendlichen verknüpfen. Jungen Menschen müsse Gelegenheit gegeben werden, Gründe der Krise und gesellschaftliche Umgangsweisen damit besser zu verstehen und eigene Beiträge zur Bearbeitung globaler Problemlagen im Alltag zu identifizieren. Im letzten Vortrag der Sitzung präsentierte der Konzeptkünstler Branko ŠMON sein "Earth plastic view"-Projekt. Die Installation am Schweizer Matterhorn versucht, das Volumen des gegenwärtig global sich in Umlauf befindlichen Kunststoffs visuell fassbar zu machen. Der Kontrast zwischen der als "schön" und "erhaben" geltenden alpinen Landschaft des Matterhorns und den umweltschädlichen Effekten des Plastikmülls soll auf künstlerische Weise affektive Reaktionen erzeugen und so zu einem gesellschaftlichen Wandel beitragen.

Institutionelle Strategien

Institutionelle Strategien der Mobilisierung von Wissen standen im Mittelpunkt der drei Vorträge in der letzten thematischen Sitzung der Konferenz. Ursula GOBEL stellte die gegenwärtige Förderstrategie des kanadischen Rats für Sozial- und Geisteswissenschaften (Social Sciences and Humanities Research Council of Canada) vor, mit der Forschung zu aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen initiiert und unterstützt werden soll. Der Fonds "New Frontiers in Research" ist darauf ausgerichtet, risikoreiche, schnelle und multidisziplinäre Forschung durch kleine, internationale Teams zu ermöglichen. Insbesondere sollen mit dem Förderprogramm Nachwuchswissenschaftler*innen dazu angehalten werden, Forschungsarbeit zu Problemen der aktuellen Transformation zu leisten. Joanne KAUFFMAN und Benno WERLEN präsentierten in ihrem Vortrag ihr Expertenpapier "Knowledge mobilization for deep societal transformations" (Wissensmobilisierung für tief greifende gesellschaftliche Transformationen), das im Rahmen eines Kooperationsprojekts zwischen dem Kanadischen Rat für Sozial- und Geisteswissenschaften und dem Jenaer UNESCO-Chair on Global Understanding for Sustainability entstanden ist. Das Papier setzt sich für demokratische, multiperspektivische Forschung ein, die über bestehende Grenzen zwischen Disziplinen und zwischen Wissenschaft und Alltag hinausgeht. Unter anderem wiesen die Vortragenden auf die Notwendigkeit hin, in transdisziplinären Forschungsprojekten vom Modell der "wissenschaftlichen Autorität" zum Modell des "authentischen Partners" überzugehen und lokale Partnerschaften mit nichtwissenschaftlichen Akteuren zu etablieren, um soziale Probleme besser zu bearbeiten. Paul SHRIVASTAVA setzte sich in seinem Beitrag kritisch mit der Rolle von Hochschulen im Anthropozän auseinander und betonte, diese müssten ihr Selbstverständnis und ihre Zwecksetzungen grundlegend neu überdenken, um zur Gestaltung der tiefgreifenden Wandlungsprozesse beitragen zu können. Hochschulen seien dazu aufgerufen, zu lokalen und regionalen Treibern des gesellschaftlichen Wandels zu werden und sich in Netzwerken vor Ort zu engagieren. Darüber hinaus müssten Hochschulen die zunehmende disziplinäre Fragmentierung überwinden und ihre internen Organisationsformen den Bedürfnissen inter- und transdisziplinärer Forschung besser anpassen.

Podiumsdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion fassten die insgesamt zehn Diskutant*innen die wichtigsten Ergebnisse der Tagung zusammen und formulierten Empfehlungen für zukünftige Nachhaltigkeitsforschung und -politik. Fast alle Teilnehmer*innen betonten dabei die Notwendigkeit, Bottom-up Ansätze zu stärken und Forschung in Kollaboration mit Partner*innen aus allen Bereichen der Gesellschaft (u.a. auch aus dem Wirtschafts- und Finanzbereich) zu etablieren. Dies zu erreichen erfordere jedoch eine neue Kultur des wechselseitigen Lernens und der echten Teilhabe, von der alle Beteiligten profitieren können, betonte Mamphela RAMPHELE. Insbesondere die Sozial- und Geisteswissenschaften seien dabei dazu aufgerufen, Brücken zwischen Wissenschaft und Alltagswelt zu bauen, Netzwerke von Akteuren unterschiedlichster gesellschaftlicher Teilbereiche zu etablieren und zwischen verschiedenen Wissens- und Wissenschaftskulturen zu vermitteln. Wie Sander van der LEEUW betonte, erfordere die Kooperation mit den Naturwissenschaften, sich auf ihre Sprache und Denkweisen einzulassen. Thomas REUTER und andere Diskutant*innen machten darauf aufmerksam, dass das Entwerfen von Zukunftsvisionen keine traditionelle Stärke von Wissenschaft sei, eine solche Zukunftsorientierung für die Transformation zur Nachhaltigkeit jedoch essentiell sei. Mit Blick auf die aktuelle Nachhaltigkeitspolitik wurde mehrfach die den Sustainable Development Goals (SDGs) zugrundeliegende Denkweise kritisiert. Die der Projektmanagementtheorie entstammende "Goal-Target-Indicator"-Logik lasse, wie John CROWLEY betonte, wenig Spielraum für die Entwicklung von Lösungsansätzen außerhalb etablierter Pfade und behindere zudem eine ergebnisoffene Zusammenarbeit. "New Public Management"-Strategien wurden von allen Diskutant*innen als Hindernis einer demokratischen Gestaltung nachhaltiger Zukünfte angesehen und stark kritisiert. Wie Anne SNICK abschließend hervorhob, bestehe eine der größten Herausforderungen darin, Institutionen und Organisationen dazu zu bringen, die Motivation und Ideen von Studierenden, Stakeholdern, lokaler Bevölkerung etc. besser zu nutzen und gemeinsame Lernprozesse zu initiieren.

Die Ergebnisse der Konferenz sollen in Form einer Deklaration veröffentlicht werden.

Eine vollständige Videoaufnahme der Konferenz sowie das Tagungsprogramm finden Sie hier.

Screenshot: SalveTV
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Foto: K. Gäbler
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