Eröffnungsfeier des UNESCO-Chairs

Eröffnungsfeier

Feierliche Eröffnung des UNESCO-Chairs am 2. Mai 2018.
Eröffnungsfeier des UNESCO-Chairs
Foto: Jan-Peter Kasper (Universität Jena)

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Feierliche Eröffnung des UNESCO-Chairs

Am 2. Mai 2018 wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena der UNESCO-Chair Global Understanding for Sustainability feierlich eröffnet. Mit Benno Werlen erhält damit erstmals ein Humangeograph eine der deutschlandweit zwölf und weltweit über 700 Professuren der UN-Kulturorganisation.

Die im Rahmen des UNITWIN-Programms seit 1992 vergebenen Lehrstühle bilden eine globale Plattform der Wissenschaftskooperation und ein Laboratorium für neue Konzepte, wie Nada Al-Nashif, beigeordnete Generaldirektorin der UNESCO für Sozial- und Geisteswissenschaften, in ihrer Video-Grußbotschaft hervorhob. So widmen sich die UNESCO-Lehrstühle der internationalen Vernetzung von Forschung, Lehre und außerwissenschaftlicher Kooperation in den zentralen Handlungsfeldern der Vereinten Nationen. Als regionale Innovationszentren entwickeln sie neue Lösungswege zur Bearbeitung globaler Herausforderungen. Die Ernennung Werlens zum Inhaber des neuen UNESCO-Chairs stelle daher eine große Ehre und Würdigung der Disziplin der Geographie dar, wie Joos Droogleever-Fortuijn, erste Vizepräsidentin der Internationalen Geographischen Union, vor über 100 Gästen aus der deutschsprachigen Geographie sowie FachkollegInnen aus Asien, Latein- und Nordamerika sowie Ozeanien betonte. Mit ihrer verschiedene Fachkulturen und Wissenschaftsbereiche integrierenden Forschungstradition, der Fähigkeit zum Maßstabswechsel sowie ihrer festen Verankerung im Bildungssystem sei die Geographie geradezu prädestiniert zur Erarbeitung eines zeitgemäßen Nachhaltigkeitsverständnisses, so Droogleever-Fortuijn.

Sozialgeographische Nachhaltigkeitsforschung

Der neue Lehrstuhl soll in den kommenden vier Jahren vor allem dazu beitragen, die Sozial- und Geisteswissenschaften stärker in die Nachhaltigkeitsforschung einzubinden. Einen Anfang dafür hat Benno Werlen bereits in den vergangenen Jahren gemacht. Als Initiator und Direktor des International Year of Global Understanding (IYGU) warb er dafür, den Herausforderungen der Globalisierung nicht primär aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive zu begegnen, sondern sie transdisziplinär anzugehen. Statt disziplinärem Spezialwissen sollen Alltagspraktiken den Ausgangspunkt für Nachhaltigkeitsforschung und -politik bilden.

Seine Wurzeln hat dieser Ansatz in der von Werlen entwickelten praxiszentrierten Sozialgeographie, in der das alltägliche Geographie-Machen und dessen kulturelle Einbettung ins Zentrum gestellt werden. Die mit dem internationalen Wissenschaftsjahr initiierte Überführung dieser Perspektive in das Feld der Nachhaltigkeitsforschung bedeute nicht weniger als die Anerkennung des Kulturellen als vierter Säule der Nachhaltigkeit, wie Verena Metze-Mangold, Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission, in ihrer Festrede herausstellte: Neben ökonomischen, ökologischen und sozialen Fragestellungen der Nachhaltigkeit sind es längst die kulturellen, die erkannt worden sind und ohne die Nachhaltigkeit nicht zu haben ist. Mit der Fokussierung alltäglicher Lebenswelten und ihrem Interesse für die Fähigkeit der Menschen, Lokales und Globales zusammenzudenken, bereite die praxiszentrierte Sozialgeographie in vorbildhafter Weise den Boden für eine an den Leitzielen der UNESCO orientierte Nachhaltigkeitspolitik.

Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung

Die künftige Arbeit des Lehrstuhls orientiert sich wesentlich an der im Jahr 2015 von der UN verabschiedeten Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung. Der für die Formierung neuer, kultursensibler Nachhaltigkeitsstrategien notwendigen Integration der Sozial- und Geisteswissenschaften wurde auf Basis des IYGU-Programms dabei bereits im Rahmen der World Humanities Conference im vergangenen Sommer in Liège der Weg geebnet. Dort wurde ein entsprechendes sozial- und geisteswissenschaftliches Programm für die Einrichtung einer neuen Generation von UNESCO-Lehrstühlen mit Bezug zur Agenda 2030 beschlossen, von denen der erste nun in Jena etabliert wurde. Mit seiner konsequenten Ausrichtung auf die Erforschung von Alltagspraktiken und dem Erkunden neuer Wege zur Erreichung der Sustainable Development Goals sei der neue Jenaer UNESCO-Chair daher ein Pionier, so Nada Al-Nashif.

Mit dem engen Bezug zur globalen Nachhaltigkeitsagenda unterstützt der Lehrstuhl zugleich die Ziele der auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik der Bundesrepublik. So z.B. hob Michael Reiffenstuel, Beauftragter für auswärtige Kulturpolitik im Bundesaußenministerium, im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung hervor: "Im Auswärtigen Amt begrüßen wir den Fokus der UNESCO-Lehrstühle auf die Agenda 2030 nachdrücklich. Der von den Vereinten Nationen im September 2015 verabschiedete Zielkatalog gibt die Richtschnur für das, was die Weltgemeinschaft bis 2030 erreichen will. Dazu gehören so ambitionierte wie notwendige Ziele wie die Beseitigung von Hunger und Armut, die Ermöglichung hochwertiger Bildung für alle, die Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und der Kampf gegen den Klimawandel. Für alle diese Ziele ist nachhaltiges Handeln in all seinen Dimensionen unabdingbar."

Zur Arbeit an diesen Themen kann der neue Lehrstuhl u.a. auf das globale Netzwerk der UNESCO-Chairs sowie die durch das International Year of Global Understanding etablierten Partnerschaften mit weltweit etwa 40 regionalen Aktionszentren zurückgreifen. Darüber hinaus existieren bereits zahlreiche Kooperationen mit Hochschulen in Ländern des Globalen Südens. So z.B. wurden gemeinsam mit Partnern in Argentinien und Chile sozial-ökologische Forschungsprojekte und internationale Lehrveranstaltungen durchgeführt. Über die internationale Wissenschaftskooperation hinaus ist der Lehrstuhl auch in ein umfassendes regionales Netzwerk bspw. mit der Soziologie, Ökonomie, Politik- und Literaturwissenschaft, der Geschichts- und Religionswissenschaft oder der Erziehungswissenschaft eingebettet und kann somit wichtige Synergieeffekte für die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung erzeugen. Besondere Bedeutung wird dabei die Kooperation mit dem Paulo Freire Institute der University of California, Los Angeles (UCLA) erlangen, dessen Direktor und UNESCO-Chair für Global Learning and Global Citizenship Education, Carlos Torres, den Festvortrag der Eröffnungsfeier hielt.

Internationale Wissenschaftspolitik

Dass die vom UNESCO-Chair geförderte Integration verschiedener Wissenschaftskulturen in der Bearbeitung globaler Herausforderungen zeitgemäß ist, zeigen auch die aktuellen Entwicklungen der internationalen Wissenschaftspolitik. So schließen sich Anfang Juli 2018 in Paris die Weltdachverbände der Naturwissenschaften (ICSU) und der Sozialwissenschaften (ISSC) zum International Science Council (ISC) zusammen, um die in den vergangenen Jahren vorangetriebene Zusammenarbeit im Bereich der Forschung auch organisatorisch abzubilden und zukünftig mit gemeinsamer Stimme die Anliegen der Wissenschaft zum Ausdruck zu bringen.

Neben der Förderung transdisziplinär integrativer Forschung wird sich der Lehrstuhl in Kooperation mit seinen globalen Partnern auch für einen stärkeren Einbezug des wissenschaftlichen Nachwuchses in die Nachhaltigkeitsforschung einsetzen. Wie Nada Al-Nashif hervorhob, stellt die Beteiligung junger Menschen an der Gestaltung des globalen Wandels ein zentrales Anliegen der UN-Kulturorganisation dar: "The chair includes among its specific objectives one that is of great importance to UNESCO the more effective involvement of young scientists in the processes by which the concepts, the paradigms, the methods of the science of tomorrow will be developed. We believe hugely in the potential of this area, which I have no doubt well be able to unlock together to connect the work of the chair with UNESCOs Youth Programme."

Mit seiner Ausrichtung stelle der Jenaer UNESCO-Chair eine vielversprechende Möglichkeit dar, Prozesse transdisziplinärer Wissensproduktion anzustoßen und die Kooperation mit außerwissenschaftlichen Partnern zu befördern. Dass seine Eröffnung nicht nur mit zahlreichen KollegInnen aus der deutschsprachigen und internationalen Geographie, sondern auch mit vielen Gästen aus anderen Disziplinen gefeiert werden konnte, ist ein gutes Zeichen für das fachübergreifende Interesse an der Sozialgeographie.

Nada Al-Nashif
Joos Drooglever-Fortuijn
Verena Metze-Mangold
Michael Reiffenstuel
Carlos Torres
Foto: Jan-Peter Kasper (Universität Jena)